1.

Ich bin in der Stadt Edirne, die an der Grenze Türkei-Bulgarien-Griechenland liegt, geboren und aufgewachsen. Die Angehörigen meiner Mutter mütterlicherseits sind nach Gründung der Republik Türkei aus der jetzigen Stadt Skopje in Mazedonien in die Türkei immigriert. Der Grund ihrer Immigration waren die Repressionen und Drangsalierungen, denen sie während des Balkankrieges und in der Zeit danach als muslimische Albaner ausgesetzt waren. Da sie keine Türken waren, konnten sie sich bei ihrer Übersiedlung in die Türkei ihren Niederlassungsort nicht aussuchen und mussten sich in den vom Staat zugewiesenen Ostprovinzen niederlassen. Erst durch Zahlung von Bestechungsgeldern, erteilte ihnen der Staat das Recht, sich in Izmir niederzulassen. Dort legten sie sich einen Bauernhof zu und begannen dort zu leben. Einige Monate später kamen bewaffnete Gendarmen, holten sie ohne Wenn und Aber aus ihrem Haus, ließen sie kilometerlang marschieren, setzten sie in einen Zug nach Albanien und schoben sie so ab. Man hatte ihnen nicht gestattet, irgendetwas mitzunehmen. Ihr Bauernhof, ihre Ackerflächen, ihr gesamtes Geld und Vermögen war so geraubt worden.

Meine Großmutter erzählte immer, dass die Kinder, älteren Menschen und Kranken auf der Flucht verstorben sind. Nach zwei Jahren Aufenthalt in einem Lager in Albanien wurden sie erneut in die Türkei geschickt. Da sie bei ihrer Einreise kein Geld besaßen, ließen sie sich in der Grenzstadt Edirne nieder. Diese Geschichte wurde uns allerdings immer anders erzählt. Die Erwachsenen in der Familie sprachen davon, dass Mustafa Kemal sie mit ihrer Heimat vereint habe und sie ihm dankbar seien. Die Wahrheit, die meine Großmutter kurz vor ihrem Ableben 1991 berichtete, war die, dass sie Gräueltaten erlebt haben und wie man sie türkisierte, weil sie nicht als Türken erachtet wurden. Die Angst vor einer erneuten Abschiebung hatte sie zu nationalistischen, kemalistischen Türken gemacht. Diese Realität traf auf Tausende von Familien zu, die damals in die Türkei immigriert waren. Die Menschen waren aus Furcht staatstreu und kemalistisch geworden, obwohl sie den größten Schlag von den Kemalisten erlitten hatten. Ich habe geschichtliche Recherchen zu dieser Thematik vorgenommen. Die faschistische Ideologie der Republik Türkei, die Assimilationspolitik wurde – so wie bei den anderen Nationen und Minderheiten – auch bei den Albanern praktiziert. 

Die Familie meiner Mutter väterlicherseits gehört zu den Tataren, die in 40er Jahren aus der heutigen Krim Region in der Ukraine vertrieben wurden. Auch sie bezeichneten sich, obwohl sie keine waren, als Türken, damit sie in der Türkei akzeptiert wurden. Mein Vater stammte aus Konya. Er heiratete in Edirne, wo er seinen Militärdienst ableistete, meine Mutter und er lebten bis zu seinem Tod 2014 in Edirne. Meine Mutter und mein Vater waren als Beamte in staatlichen Behörden der Bezirksverwaltung tätig. Mein fünf Jahre älterer Bruder ist Absolvent der Fakultät für Volkswirtschaft und war in einem öffentlichen Unternehmen tätig. Derzeit ist er pensioniert und lebt in Edirne. 

Obzwar teilweise durch die Assimilationspolitik bedingt, bin ich in einer türkisch-sunnitischen Familie aufgewachsen. In Edirne habe ich mit der Vorschule begonnen. Mit der Grundschule habe ich 1976 in Kirklareli, wo mein Vater hin versetzt wurde, begonnen. Im Jahre 1980 sind wir wieder nach Edirne gezogen und ich besuchte ab 1981 das Anadolu Gymnasium. Das Anadolu Gymnasium war ein Gymnasium, das überwiegend auf Englisch unterrichtete und die Schüler Prüfungen unterzog und gute Bildung vermittelte. Damit meine ich, dass es eine gute Ausbildung war, wenn sie auch ideologisch kemalistisch geprägt war.

Wie auch bereits von Prof. Dr. Neumann berichtet und von unseren Anwälten mehrfach thematisiert, führte der Putsch 1980 im Land zu repressiven Veränderungen – vor allem auch in Bildungssystem. Bei vielen unserer Lehrer handelte es sich um demokratische, fortschrittliche Akademiker, die beim faschistischen Militärputsch auf der Grundlage des Gesetzes 1402 aus den Universitäten suspendiert wurden. An dieser Schule, an der ich jeden Tag gezwungen wurde: „Glücklich derjenige, der sich als Türke bezeichnet“ zu schreien, war es mein einziges Glück, von diesen Lehrern unterrichtet zu werden. Es gab Repression, sie hatten Angst und konnten den Staat und das Bildungssystem nicht kritisieren, aber sie versuchten uns das Hinterfragen, das Forschen und das Betrachten der Vorkommnisse, der Geschichte und der Gesellschaft aus wissenschaftlicher Sicht zu lehren.

Meine Familie, die den Kemalismus als links und fortschrittlich erachtete, hatte Sympathien für Revolutionäre, solange es sich bei diesen um keine Kurden oder Armenier oder um solche, die für die Rechte dieser einstanden handelte. Meine Eltern hatten eine schöne Bibliothek. Obwohl meine Eltern Ängste hatten, dass das Lesen mich und meinen Bruder aufklären könnte, begann ich damit Bücher von Schriftstellern und Dichtern aus aller Welt wie Dostojewski, Tolstoi, Jack London, Ernest Hemingway, Sartre, Emile Zola und Gorki und die türkischen Autoren wie Nazim Hikmet, Sebahattin Ali, Kemal Tahir, Orhan Kemal zu lesen. Obwohl diese Bücher bei mir zu Veränderungen führten, habe ich es aufgrund des Einflusses der staatlichen sogenannten Bildung und auch meiner Familie bis zum Abschluss des Gymnasiums nicht geschafft, mich vom kemalistischen Gedanken völlig loszulösen.

Ich konnte mir die Missstände, die Ungerechtigkeiten und die Ungleichheit in meiner Umgebung, in meinem Land und auf der Welt nicht erklären. Was eine Lösung anging, hatte ich gar keine Idee. Ich qualifizierte mich für die medizinische Fakultät in Trakya und glaubte, damit einen Ansatzpunkt gefunden zu haben. Wenn jeder Einzelne gut wäre und anderen Menschen helfen würde, könnten auf diese Weise die Abscheulichkeiten und die Kriege aufhören, so dachte ich. Diese naiven und kindlichen Träume waren noch vor dem Ende meines Medizinstudiums zerstört, denn es bestand natürlich keine Chance, diese ungleiche und ungerechte Welt als idealistische Ärztin im Alleingang zu verändern. Dieser Umstand, auf den ich später noch gesondert eingehen will, wurde in meinem Berufsleben in Kars noch deutlicher. 

2.

In habe 1988 mein Studium an der medizinischen Fakultät aufgenommen. Ich lernte sehr viele Studenten aus verschiedenen Regionen der Türkei kennen. Eines der wichtigsten Ereignisse, das mich prägte, war die Bekanntschaft mit den kurdischen und alevitischen Studenten. In dem Umfeld, in dem ich aufwuchs, wurden die „Kurden“ meistens als „doğulu“ oder „kıro“1bezeichnet, um sie zu erniedrigen. Dass sie eine Nation mit einer eigenen Sprache sind, dass ihre Sprache und ihre Namen verboten wurden und ihre Existenz negiert wurde, erfuhr icherst von diesen Studienfreunden. Manche stammten zum Beispiel aus Familien, die das Massaker in Dersim erlebt hatten oder Zeugen dieser Zeit gewesen sind. Oder sie kamen aus alevitischen Familien, welche die Massaker in Maraş oder Çorum erlebt hatten. Es war für mich schwer, all das zu glauben. Das Leben jedoch führt den Menschen die Realität vor Augen. Ich lernte die Familien meiner kurdischen Freunde kennen, die ich sehr mochte. Sie hatten eine andere Muttersprache, konnten kein Türkisch und wir verständigten uns mit Händen und Füßen. Ein Freund erzählte mir von den zahlreichen Malen, die er in der Grundschule von seinem Lehrer geschlagen wurde, weil er in seiner Muttersprache Kurdisch sprach, und wie er sie jeden Tag unter Anwendung von Schlägen laut rufen ließ: „Glücklich derjenige, der sich als Türke bezeichnet“. Ein anderer Freund erzählte mir, dass seine alevitischen Familienmitglieder im Fastenmonat lügen und sagen mussten, sie würden fasten, weil die Häuser von alevitischen Familien von den reaktionären Sunniten mit Steinen beworfen wurden.

Die 90er Jahre waren eine Phase, in der die staatlichen Kräfte die revolutionären Kommunisten in ihren Häusern mit hunderten von Schüssen töteten, in Kurdistan alles niederbrannten und zerstörten, Menschen ermordeten oder sie im Polizeigewahrsam verschwinden ließen. Medienberichten zufolge waren alle diese Menschen Terroristen, gefährlich, bewaffnet und Mörder. Bis dahin hatte ich meine Informationen aus den Medien, die dem Staat und dem Einfluss der offiziellen Staatsideologie unterstanden. Um an unparteiische Informationen gelangen zu können, begann ich, unterschiedliche Zeitungen und Presseorgane zu verfolgen. Die Informationen, die ich erlangte, waren ganz anders. Blutjunge, unschuldige Menschen und Studenten wurden in ihrem Zuhause überfallen und umgebracht. Hinterher hieß es, es habe eine bewaffnete Auseinandersetzung gegeben. Zeugenaussagen und gerichtsmedizinische Gutachten bewiesen jedoch das Gegenteil. Die Morde unbekannter Täter nahmen ihren Lauf. In Kurdistan wurden ganz offen Massaker verübt. Mehrheitlich kurdische Politiker, Künstler und Journalisten wurden entweder direkt von den staatlichen Kräften oder dem verlängerten Arm des Staates, den faschistischen Kräfte ermordet. Die Massaker in Maraş und Çorum hatte ich mir wie eine Geschichte angehört. Ich konnte mir dieses Bild im Kopf nicht genau ausmalen. 

Es geschah dann aber eine Gräueltat, die dieses Bild darstellte, ja ein Bild, das mit Blut und Schmerz gezeichnet worden war. Ja, wir wurden Zeugen des Massakers in Sivas, bei dem 33 Intellektuelle und Künstler, die mehrheitlich Aleviten waren, von staatlich unterstützten Reaktionären bei lebendigem Leibe verbrannt wurden. In Sivas sollte ein alevitisches Kunst- und Kulturfestival stattfinden. Hunderte und tausende Zivilfaschisten umzingelten das Hotel, in dem die Künstler und Intellektuellen wohnten und steckten dieses in Brand. Obwohl die staatlichen Kräfte bereits vorher Kenntnis davon hatten, ergriffen sie keine Maßnahmen und hinderten die Feuerwehr daran an das Hotel zu gelangen, um das Feuer zu löschen. Sie sahen gelassen zu, wie die Menschen bei lebendigem Leib verbrannt wurden. Genauer gesagt, sie haben sie verbrannt. Obwohl die Mörder identifiziert werden konnten, wurden diese nicht festgenommen und diejenigen, die festgenommen wurden, wurden wieder auf freien Fuß gesetzt oder bekamen lächerlich geringe Strafen. Die Waffen der Ermordeten waren ihre Stifte, ihre Notenhefte, ihre Bücher und ihre Gedichte.

Bis dahin glaubte ich, dass Kemalismus Fortschritt und Gleichheit bedeutet und hatte Vertrauen in den Staat und seinenInstitutionen. Hunderte von Ereignissen, deren Krönung diesesMassakervon Sivas war, erlebte ich daher als sehr schmerzhaft. Wie ich oben erwähnt habe, springt einem die Wahrheit früher oder später ins Gesicht. Endgültig verlor ich meinen Glauben daran, dass die Hochschulen freie, wissenschaftliche Lehr- und Lernanstalten sind, dann, als ich die Bekanntschaft mit dem Hochschulrat (Yüksek Öğrenim Kurumu)machte. Dazu hat Herr Prof. Dr. Neumann detaillierte Ausführungen gemacht. An jeder Universität in der Türkei finden am 06. November Protestveranstaltungen gegen die Einrichtung YÖK statt. 1993 wollte ich auch an eine dieser Protestveranstaltungen teilnehmen. Die Protestveranstaltung wurde von reaktionären Faschisten mit polizeilicher Unterstützung angegriffen. Obwohl bekannt war, dass die Angreifer keine Studenten waren und deshalb keinen Zugang zu dem Campus hatten, hat die Polizei nicht eingegriffen. Sie hat diese sogar unterstützt und traktierte uns Studenten, darunter mich, mit Schlägen, Tritten und Knüppeln und nahm uns fest. 

Ich möchte unterstreichen, dass die Polizei, uns, nur um uns vor dem Angriff der Faschisten zu beschützen, gewaltsam unter Schlägen festgenommen hat. Ja, die Polizei des Staates hat uns so gut beschützt, dass mein ganzer Körper blau war, als ich nach einigen Stunden auf freien Fuß gesetzt wurde. Es war so, dass die damaligen Vertreter des Menschenrechtevereins Bilder von mir angefertigt haben. Obwohl wir die Polizisten, die uns geschlagen hatten, identifiziert und angezeigt haben, geschah nichts. Während der Ingewahrsamnahme erlebte ich etwas Seltsames. Ein Polizist – der mich fürsorglich mit Knüppeln, Tritten und Schlägen beschützte – sagte: „Wir haben dich gesehen. Du hast kurdisch skandiert und gesungen.“ Ich konnte kein Wort kurdisch und bei der Veranstaltung gab es ohnehin nichts dergleichen. In den offiziellen Medien in Edirne wurde darüber wie folgt berichtet: „Kurdische und terroristische Studenten haben auf dem Campus eine illegale Aktion durchgeführt. Sie überfielen Unterrichtsräume und griffen die anderen Studenten an. Die Gefährlichen von ihnen wurden festgenommen.“

Ich, die an dieser genehmigten Protestaktion, der legale, demokratische Forderungen zugrunde lagen, teilgenommen hatte, war als „Kurdin und Terroristin“, ja sogar als eine der Gefährlichsten in Gewahrsam genommen worden. Wäre ich nicht dort gewesen und hätte alles mit eigenen Augen gesehen, hätte ich den Berichten der Presse Glauben geschenkt, denn ähnliche Berichte hatte es schon vorher in den Zeitungen gegeben. Zum Beispiel hatte es geheißen: „Terroristische kurdische Studenten haben das CHP-Gebäude überfallen.“ Ich las diese Berichte und glaubte ihnen. Nachdem ich diesen Vorfall erlebt habe, begann ich damit die Berichte aus der Vergangenheit zu hinterfragen. Der Vorfall mit der CHP zum Beispiel war ganz anders. Wieder war es so, dass die Studenten eine genehmigte Protestaktion, mit der akademische demokratische Forderungen begehrt wurden, durchgeführt hatte und dem brutalen Übergriff der Polizei ausgesetzt gewesen waren. Die Studenten waren in das CHP-Gebäude geflohen und hatten dort Schutz gesucht. Die zuständigen CHP-Leute hatten das bestätigt. Der Staat bediente sich aller ihm zur Verfügung stehender Maßnahmen und schmutziger Spielchen, um mit Lügen die Bevölkerung zu manipulieren. Bedauerlicherweise hatte auch ich mich von diesen Manipulationen leiten lassen.

All das, was ich in den Jahren meiner Studentenzeit an der Universität persönlich erlebt habe, deren Zeugin ich wurde und was ich erzählt bekam, den Medien entnahm und las, zeigte mir das wahre Gesicht des Kemalismus und der staatlichen Institutionen. Ich schämte mich. Denn bis dahin hatte ich in einer anderen Welt gelebt. Ich erkannte einen Staat, dessen Geschichte aus Massakrierungen bestand und in dem seit seiner Gründung all jene, die anders waren, verleugnet, assimiliert, unterdrückt und gepeinigt wurden. Man hatte mich selbst bezüglich meinen eigenen Wurzeln getäuscht. Wie ich oben erwähnt habe, entstamme ich einer albanischen Familie, die mit der aufgezwungenen türkischen nationalen Identität leben musste und diese Realität aus Angst vor einer Abschiebung ignorieren und verleugnen musste.

Um die Welt besser verstehen zu können, begann ich, mehr über historische und philosophische Themen zu lesen und sie zu erforschen. Ich lernte den Marxismus, den Leninismus und den Maoismus kennen. Ich begann, die Werke von Schriftstellern, Dichtern, Wissenschaftlern, Intellektuellen, Sozialisten, Revolutionären und Demokraten zu lesen, die in der Türkei von vielen unterschiedlichen Schichten anerkannt und respektiert wurden und ich begann, aus ihren Erfahrungen Lehren zu ziehen. Was ich damals als sehr interessant empfand, war der Umstand, dass all diese Personen, obwohl sie alle großen gesellschaftlichen Respekt genossen, viele Jahre in den Gefängnissen und im Exil verbracht haben. Dabei war die Realität – die ich später erkannte – eigentlich ganz offensichtlich. Diese verdienstvollen Menschen sprachen von einer gleichberechtigten, friedlichen, ausbeutungsfreien und klassenlosen Welt und die Wissenschaftler legten dar, dass dies wissenschaftlich möglich ist. Die Revolutionen, die es auf der Welt gab und die Erfahrungen sind hierfür die Beispiele aus dem wirklichen Leben. Da der Staat diese Menschen als Bedrohung für sein ideologisch unterfüttertes Ausbeutungs- und Unterdrückungssystem ansah, kriminalisierte er sie als „Terroristen“ und steckte sie in die Gefängnisse und diese feindselige Haltung hält weiterhin an. Durch die Ereignisse, die ich selbst erlebt habe oder deren Zeugin ich im Laufe meines Lebens wurde, wurde dieser Umstand mehrfach bestätigt.

Unsere Inhaftierung in Deutschland und die Zeit in der Haftanstalt und dieses andauernde Verfahren sind aus meiner Sicht ein Beispiel hierfür. Die Ereignisse in der Heimat, das, was ich gesehen habe, die Ereignisse, deren Zeugin ich wurde, sowie das, was ich gelesen habe, haben mich in meiner bis dahin angenommenen Form gänzlich verändert. Ich betrachtete die Welt nunmehr mit anderen Augen. Für viele Fragen, die zu Beginn meines Studiums in meinem Kopf herumschwirrten, hatte ich eine Antwort gefunden. Ich stand an einem Scheideweg in meinem Leben. Ich musste entweder diese hässliche Geschichte akzeptieren und musste zu den Ungerechtigkeiten, den Massakern, der Unterdrückung und der Ausbeutung schweigen, also die drei Affen spielen, oder dem entgegentreten, also kurz gesagt, ein ganz aufrichtiger Mensch mit Würde sein.

3.

An der medizinischen Fakultät lernte ich Dr. Sinan Aydın kennen und wir heirateten im Jahr 1994. Wir stammten aus ähnlichen familiären Strukturen. Unsere Leben waren bis dahin sehr ähnlich verlaufen. Dr. Sinan Aydın ist für mich nicht nur mein Lebensgefährte; er ist mein Kommilitone, mein Freund, mein Weggefährte, mein Lebensgefährte und mein Kollege. In den drei Jahren Haftzeit kam noch eine „Brief- und Prozessfreundschaft“ hinzu. Wir haben zu keinem Zeitpunkt die Rolle Mann und Frau, die die Gesellschaft für uns vorsah, übernommen und waren nie innerhalb der vier Wände der „heiligen Familie“, die der Erhaltung der patriarchalischen Machtverhältnisse dient, gefangen. Wir führten eine von dem reaktionären und feudalen Verständnis der Gesellschaft und von der vom Staat vorgesehenen Geschlechterrollen losgelöste Beziehung, deren Grundlagen aus der Gleichberechtigung von Frau und Mann und dem Verständnis, sich alle Lebensreiche zu teilen und einander voranzutreiben, bestanden.

Wenn ich für mich sprechen darf, ich habe dieses Verständnis nicht selbst entdeckt. Ich habe dieses aus den – für mich in jeder Lebenslage wegweisenden – Werken, Erzählungen und Erfahrungen vonrevolutionären, fortschrittlichen, feministischen, aufgeklärten Künstlern, Politikern und Sozialisten, die einen Kampf für eine schönere Welt führten und die ich als Vorbilder betrachtete und dem beispiellosen Erbe der Menschheitsgeschichte, aus dem Kampf der Unterdrückten und aus meinen eigenen Erfahrungen, erlangt. Wenn ich heute zurückblicke, war die Wandlung meiner Ansichten während meiner Studienzeit der schönste Abschnitt meines Lebens. Ich habe mich stets darum bemüht, ein dementsprechendes Leben zu führen. Andernfalls würde ich heute zu jenen Frauen gehören, die von den Geschehnissen auf der Welt keine Ahnung haben, eine Frau, die ihre Augen vor allen Ungerechtigkeiten und der Ungleichheit verschließt, die in allen Bereichen des Lebens die Passivität hinnimmt und ihren Beruf als Ärztin lediglich zur Füllung ihrer Geldbörse oder für eine bessere Stellung und das Ansehen in der Gesellschaft ausübt. Möglicherweise wäre ich Gynäkologin geworden, weil dies für Frauen als passend erachtet wird. Das heißt also, ich wäre zu einem Leben in einer halboffenen Haftanstalt verurteilt worden, wie die Gesellschaft es von mir erwartet und zwar lebenslänglich. Heute sage ich mit meinem ganzen Verstand und meinem Herzen, gut, dass es so gekommen ist.

Im Jahr 1995 schloss ich mein Medizinstudium erfolgreich ab. Mein größtes Ideal war es, in den kurdischen Provinzen oder in den abgelegenen Regionen, wo die neuen Ärzte ungern hingehen wollten, als Ärztin dem Volk zu dienen. Damals war das System folgendermaßen: die Absolventen der medizinischen Fakultät mussten mindestens zwei Jahre lang einen Pflichtdienst verrichten. Das Gesundheitsministerium legte die Einsatzorte fest und die neuen Ärzte wurden als Beamte dort eingesetzt. Meine Familie wollte nicht, dass ich in Kurdistan meinen Pflichtdienst verrichte, da dort Krieg herrschte. Die anderen Orte, in denen man seinen Pflichtdienst verrichten konnte, waren sozioökonomisch schlecht gestellte, kleine Ortschaften oder abgelegene Dörfer. Viele junge Ärzte hatten keine Chance, in den westlichen Städten oder großen Provinzen oder am Wunschort diesen Pflichtdienst zu verrichten, da diese Stellen von Ärzten besetzt waren, die gute Beziehung hatten oder Bestechungsgelder zahlen konnten oder Bekannte im Parlament oder in wichtigen Positionen hatten. Bestechung, Beziehungen und Korruption sind in der Türkei in jedem Bereich Normalität. Es war für mich gänzlich ausgeschlossen, ein Teil dieses schmutzigen Rades zu sein.

Meine Familie hatte Angst und sie hat sich lange bemüht, um mich von meinem Pflichtdienst abzubringen. Sie hat sich sogar bereit erklärt und uns vorgeschlagen, für Dr. Sinan Aydınund mich in Edirne eine Privatklinik zu eröffnen. Eigentlich bedeutete meiner Familie Geld nicht viel. Es waren bescheiden lebende Menschen, die jahrelang als Beamte für den Staat, an den sie glaubten, gearbeitet haben. Sie hatten aber in einem Land wie diesem ebenso wie tausende anderer Eltern Angst um ihre Kinder. Sie sahen und erlebten, wie unschuldige junge Menschen jahrelang in den Gefängnissen saßen oder Opfer unaufgeklärter Morde wurden. Aufgrund ihres Alters und ihrer Erfahrung sahen sie die Realität im Land besser als ich. Sie waren sich vieler Dinge bewusst, brachten diese aber nicht zur Sprache, weil die Unterdrückung und die Angst, die im Land herrschten, sie wie viele andere Familien zum Schweigen gebracht hatte. (Das berichteten sie Jahre später während unserer Unterhaltungen). Zumindest in dem Umfeld, in dem ich lebte, war dies die Tendenz. Ich wollte trotz allem dem Volk dienen und entschied mich, meinen Pflichtdienst dort aufzunehmen, wo ich der Auffassung war, dass ich gebraucht werde. Dr. Sinan Aydın hatte sein Studium vor mir abgeschlossen und arbeitete in einer kleinen Ortschaft an der Schwarzmeerküste (Ordu Gölköy) als verbeamteter Arzt. Von der Familienzusammenführung für Beamte konnte ich keinen Gebrauch machen, da dort keine freie Stelle war. Ich nahm meinen Dienst im Nordosten der Türkei, in der Provinz Kars auf. Dr. Sinan Aydın machte von der Familienzusammenführung Gebrauch und wurde dorthin versetzt.

4.

1995 begann ich in Kars in einem Gesundheitszentrum als Allgemeinmedizinerin zu arbeiten. Die Konfrontation mit diesem Gesundheitszentrum – eines von dreien, das die Menschen in dieser Stadt medizinisch versorgte – war für mich ein großer Schock. Es gab keinerlei Medikamente, die man in Notfällen den Patienten verabreichen konnte und auch kein Labor und kein medizinisches Material. Noch schlimmer war, dass es in dem Gesundheitszentrum kein fließendes Wasser gab. Wenn wir in den Rachen der Patienten schauen wollten, versuchten wir die Metallstäbe dadurch zu desinfizieren, indem wir diese auf dem Ofen erhitzten. Ich versuchte mich immer wieder selbst zu überzeugen, indem ich mir sagte: „Du musst deinen Beruf unter diesen Umständen so gut ausüben wie es nur geht, kein Grund um dich zu beklagen.“ Bei den meisten Patienten handelte es sich um Mitbürger, die über kein Einkommen oder keine Krankenversicherung verfügten. Für diese Mitbürger gab es damals seitens des Gesundheitsministeriums die Regelung der „Yeşil Kart“ (Grüne Karte). 

Sie konnten sich kostenlos im Gesundheitszentrum oder Krankenhaus untersuchen lassen, jedoch wurden die Kosten für Medikamente – außer bei stationärer Behandlung – nicht übernommen. Das heißt, die Kranken, die mit der Yeşil Kart zu mir kamen und über kein Einkommen verfügten, mussten die Kosten für die Medikamente selbst übernehmen. Im Schnitt kamen 50-60 Patienten; in den Wintermonaten 80-90 Patienten und mindestens 20 davon waren in einer solchen Situation. Es kamen Kinder mit Fieber, Durchfall oder Erkrankungen der oberen Atemwege oder Patienten mit Bluthochdruck und Diabetes. Ich untersuchte sie, stellte die Diagnose und verschrieb ihnen Medikamente; ich wusste aber, dass sie die Medikamente nicht kaufen können.

Ich sammelte die Proben, die Pharmavertreter mitbrachten, oder bat Apotheker, die ich kannte, um Medikamentenspenden. Auf diese Art und Weise versuchte ich, einem Teil der Patienten zu helfen, doch es reichte nicht. Mein Gewissen plagte mich sehr. Auch wenn man als Arzt noch so gut ist und auch die richtigen Diagnosen stellt, ist all dies bedeutungslos, wenn die Patienten keine Medikamente kaufen können. Ich erinnere mich, dass ich oftmals aus Ratlosigkeit geweint habe. Ich versuchte mit den Ärztekollegen von der Gesundheitsdirektion zu reden. Ihre Gleichgültigkeit machte mich noch trauriger.

Es war sogar so, dass der Gesundheitsdirektor zu mir sagte: „Lassen Sie es gut sein Frau Doktor, für die lohnt es sich nicht, was beschäftigen Sie sich damit.“ Später habe ich dann verstanden, was diese Worte zu bedeuten hatten. Kars war ein Ort, der von Kurden, Aleviten – auch wenn nur in geringer Zahl – und anderen ethnischen Minderheiten bewohnt wurde. Meine späteren Erlebnisse zeigten mir, dass diesen Worten der Gedanke zugrunde lag: “für diese Kurden lohnt es sich nicht, das sind alles potentielle Terroristen.“ Ja, weder der Gesundheitsdirektor, noch jemand anderes im Staat waren darum bemüht, diesen Menschen gesundheitliche Versorgung zu bieten.

Wir hatten Aufgaben, die im Zuständigkeitsbereich des Gesundheitszentrums lagen, wie das Aufsuchen mancher Dörfer, um medizinische Untersuchungen oder Impfungen regelmäßig vorzunehmen. Was dabei meine Aufmerksamkeit auf sich zog, war, dass die Dorfbewohner uns völlig verängstigt ansahen und verunsichert waren. Den Grund hierfür begriff ich erst später. Die Bevölkerung – insbesondere die Kurden – fürchteten sich vor Staatsbediensteten. Denn für sie bedeutete der Staat: Militär, Polizei, Repression und Qualen.

Manche Dörfer wurden – mit der Begründung, dort würde die PKK unterstützt werden – von Soldaten überfallen und die Dorfbewohner – ohne Rücksicht auf Frauen, alte Menschen und Kinder – Verhören unter Folter und Prügel unterzogen. Da wir, das Gesundheitspersonal, Staatsbedienstete waren, fürchteten sie sich. Ich konnte ihre Empfindungen und Gedanken nachvollziehen. Jedoch fiel mir all das schwer. Ich schämte mich, dass ich Türkin und Sunnitin war. Kann es denn sein, dass sich ein Mensch dafür schämt, kann sich der Mensch für seine Idenität schämen?

Als ich dann später erfuhr, dass andere Menschen die gleichen Empfindungen wie ich haben, fühlte ich, dass ich nicht allein bin. Als eine deutsche Freundin von der Nazizeit in Deutschland berichtete, hatte sie gesagt, dass sie sich dafür schäme, Deutsche zu sein. Eine deutsche Lehrerin, die aus der Presse von diesem Verfahren erfahren und mir während meiner Haftzeit geschrieben hat, um mich zu unterstützen, schrieb in ihrem Brief: „Ich verstehe nicht, warum ihr inhaftiert seid und ich schäme mich als Deutsche. Ich referiere seit 25 Jahren meinen Schülern die Gerechtigkeit. Wie soll ich jetzt von deutscher Gerechtigkeit erzählen?“ Nun, das passiert aber. Es beschämte mich, Mitglied einer herrschenden Nation und Religion eines Staates zu sein, das andere Nationen, Glaubensrichtungen und ethnische Minderheiten dermaßen unterdrückt, massakriert und negiert hat. Mit der Zeit lernten sie mich kennen und es entstand zwischen mir und der Bevölkerung eine gute Beziehung. Sie begannen, mich als eine der ihrigen zu erachten und bauten Vertrauen auf. In kleinen Orten verbreiten sich Nachrichten schnell. Wie ich es bereits zuvor erwähnt habe, versuchte ich den unversicherten Patienten in irgendeiner Form zu helfen und soweit es mir möglich war, Medikamente zu beschaffen. Nachdem dies bekannt wurde, vermehrte sich die Anzahl der Patienten, die mich aufsuchten.

Kars liegt im Nordosten der Türkei. Der Winter ist dort sehr hart, es wird bis zu -30 oder -40 Grad und es schneit etwa 9 Monate lang. Wegen des Schnees waren die Wege zu manchen Dörfern versperrt, so dass auch heilbare Erkrankungen zum Tode führten, weil man die Stadt nicht erreichen konnte. Stellen Sie sich diese Menschen vor, die in dieser Stadt mit diesen kalten Winter lebten und über keinerlei Einkommen verfügten und im Winter kein Heizmaterial kaufen konnten. Neun Monate Winter, eine eisige Kälte und Menschen, die kein Essen und Heizmaterial hatten. Nun, ich versuchte jahrelang die Ärztin dieser armen Menschen zu sein. Jeden Tag mit diesem Leid konfrontiert zu sein, nun, das ist das Leben, das die Republik Türkei ihrer Bevölkerung gibt. In den meisten Dörfern gibt es in den Häusern keine Toiletten und Brunnen, die Menschen trugen das Wasser aus den entfernt gelegenen Brunnen nach Hause oder die Brunnen froren wegen der Kälte ein. Am Anfang hörte ich mir mit Erstaunen an, wenn meine in Dörfern tätigen Ärztekollegen mir erzählten, dass sie im Winter Schnee schmolzen und das Wasser daraus verwendeten. Im Laufe der Zeit bekam ich das persönlich mit.

Die Situation der Frauen ist in der Türkei im Allgemeinen schlecht. Was ich jedoch in Kars erlebte, war weit mehr als das: Ich behandelte Patienten, die mit 18 Jahren bereits das dritte Kind geboren hatten, weil der Ehemann gegen Verhütung war; die an Krebs erkrankt waren und nicht behandelt wurden; die im Kindesalter gebärten und an damit zusammenhängenden Krankheiten verstarben; die an Herzinfarkten oder schweren Geburten auf den Wegen verstarben, weil die Stadt für sie nicht erreichbar war; Mädchen, die mit 13 Jahren mit einem 70-jährigen Mann verheiratet wurden, genauer gesagt, gegen Brautgeld verkauft wurden. Eine Zeit lang war ich in der Poliklinik für innere Medizin im staatlichen Krankenhaus tätig. Dort gab es auch ein Labor, Röntgenmöglichkeiten usw. Bei einer jungen Patientin von mir wurde Magenkrebs diagnostiziert. Die Antwort, die ich erhielt, als ich ihrem Mann die Situation schilderte, war grauenvoll. Der Mann sagte kaltblütig: „Frau Doktor, was sollen wir machen, diese Krankheit kommt von Gott. Die Behandlung ist keine Garantie. Bevor ich Kosten für eine Behandlung bezahle, hole ich eine neue.“ Er meinte eine neue Frau. Ich versuchte ihn zu überzeugen, ich flehte ihn an, ich rannte ihm hinter. Er jedoch nahm die arme Frau mit, ich stand da und schaute nur hinterher.

Ich ging zum Chefarzt, er kümmerte sich nicht. Aber es ist ohnehin so, dass die Chefärzte und die Leiter der staatlichen Behörden ihre Postion nicht innehaben, weil sie diese verdient haben, sondern weil sie von der Regierungspartei aufgrund ihrer Beziehungen dorthin berufen werden. Ihr Ziel besteht nicht darin, der Bevölkerung zu dienen, sondern in der Füllung ihrer Taschen und sie sind selbstverständlich die Vertreter der faschistischen Geisteshaltung des Staates. Beispielsweise war der Bruder des damaligen MHP-Abgeordneten in Kars in der Direktion als Hausmeister tätig. Nachdem sein Bruder Abgeordneter wurde, stieg er die Karrieretreppe ganz schnell nach oben und leitete eine Institution, die für das Gesundheitssystem einer riesigen Stadt und den dazugehörigen Kreisstädte und Dörfer verantwortlich war und das, obwohl er über keinerlei Ausbildung im Gesundheitsbereich verfügte.

Ich habe in der Zeit 1999 – 2003/04 an der VeterinärmedizinischenFakultät der Universität Kars in Biochemie promoviert. Man benötigte jedes Jahr erneut eine Genehmigung der Gesundheitsdirektion. Ich stellte einen Antrag. Diese Person sagte zu mir: „Sind Sie nicht schon Doktor? Warum wollen Sie promovieren? Wollen Sie ‚Doktor Doktor‘ sein? Man kann nicht zweimal Doktor werden. Sowas gibt es nicht.“ Obwohl ich versucht habe, es ihm lang und breit zu erklären, verstand er es nicht. Nun, der Vorgesetzte für uns Hunderte von Ärzten, Fachärzten und Krankenschwestern war also ein ungebildeter Mann, der nicht einmal den Unterschied zwischen dem Beruf Arzt und der Erlangung der Doktorwürde kannte.

Es ist in der Türkei völlig normal, dass etliche Menschen wie er in Positionen kommen, die sie nicht verdient haben. Leute wie diese fordern von ihren Beschäftigten, gesetzwidrige Dinge zu tun. Sie schicken zum Beispiel Bekannte, um sie krankschreiben zu lassen, obwohl sie nicht krank sind, und damit ihnen Medikamente verschrieben werden, die nicht verschrieben werden dürfen. Sie nehmen für solche Tätigkeiten Bestechungsgelder entgegen. Wer dagegen aufbegehrt, bekommt Probleme, wird sanktioniert, wird versetzt. Man hat keine Chance, Recht zu bekommen, denn die nächsthöhere Instanz hat die gleiche Geisteshaltung. Obwohl sie eigentlich als Beamte ein festes Einkommen haben, werden sie durch Korruption bei Ausschreibungen und Bestechungen innerhalb kürzester Zeit reich.

Die letzten beiden Jahre – ich rede von 2002 – 2004 – wurde mir die Leitung des Gesundheitszentrums in Kars übertragen. In diesem Gesundheitszentrum waren Umbaumaßnahmen erfolgt und für diese Arbeiten war im Zuge einer Ausschreibung ein Unternehmer beauftragt worden. Nach Beendigung der Maßnahmen wollte der Gesundheitsdirektor, dass ich ein Dokument unterschreibe, dessen Inhalt besagte, dass ich das Gesundheitszentrum abgenommen habe und alle Arbeiten entsprechend der Vereinbarung, die zwischen dem Gesundheitsdirektor und dem Unternehmer unterschrieben worden war, erfolgt sind. Ich wollte vorab das Schriftstück sehen. Zunächst wollte man mir dieses nicht geben und sagte, dass ich unterschreiben müsse. Ich weigerte mich. Tage später wurde mir das Dokument übersandt. In diesem Dokument waren die zu verrichtenden Arbeiten aufgelistet. Vorgesehen war mehr oder weniger eine Erneuerung des gesamten Gebäudes und der zu zahlende Betrag war sehr hoch. Jedoch waren von den aufgeführten Instandsetzungsmaßnahmen nur die wenigsten vorgenommen worden. Infolge meiner Nachforschungen habe ich herausgefunden, dass die verrichteten Arbeiten nur ein Zehntel des in der Vereinbarung aufgeführten Betrages betrugen. Ich sagte, dass ich nicht zur Mitbeteiligten dieser Korruption werde und diese von mir geforderte Bestätigung nicht erteile. Daraufhin suchte mich der Unternehmer im Gesundheitszentrum auf und drohte mir mit dem Tod. Sämtliche Versuche, dies zur Anzeige zu bringen, scheiterten. Irgendwelche Erwartungen an den Gesundheitsdirektor zu haben, wäre ohnehin nichts anderes als Naivität gewesen. Er und der Unternehmer waren Partner bei der Korruption. Da ich keinen Schritt zurückwich, war ich sogar Mobbing ausgesetzt.An einem Wintertag wurden Dr. Sinan und ich bei minus 20 Grad Kälte aus unserem Ärztewohnheim geworfen. Jeder Arzt hat das Recht, für einen Zeitraum von fünf Jahren in diesen Wohnheimen zu wohnen. Weil ich aber ein Dokument, das der Korruption diente, nicht unterschrieben habe, wurde mir dieses Recht ohne Angabe von Gründen im dritten Jahr genommen.

Keinen Ton von sich zu geben – also würdelos zu leben – ist schlimmer als zu sterben. Mein Ersuchen an den Gouverneur, all meine Bemühungen nach der Suche meinem Recht endeten erfolglos. Viele Ärzte, die wie ich ehrlich waren und bei ihrer Berufsausübung ethische Regeln einzuhalten versuchten, erlebten die gleiche Ungerechtigkeit wie ich. Es ist ein Land, in dem Aufrichtigkeit als „Staatsfeindlichkeit“ erachtet wird. Denn jede staatliche Institution ist verdorben, und das Wort „Staat“ bedeutet Bestechung, Korruption und Ungerechtigkeit. Es bedeutet Unterdrückung und Gewalt. Wenn man in der Türkei ein aufrichtiger und guter Mensch ist, bedeutet das, gegen den Staat und die öffentliche Ordnung zu sein. Da gibt es keinen Zwischenweg. Anderenfalls müsste man von seinen allerwichtigsten Werten abgehen. Ich habe bei meinen Werten niemals Zugeständnisse gemacht und habe das auch nicht vor. Auch wenn ich mit dem Tod bedroht, in Gefängnisse gesperrt werde, kann mich niemand dazu zwingen, schweigend mit diesem verdorbenen System zu leben. Die Augen vor Ungerechtigkeiten zu verschließen, dazu zu schweigen und keine Reaktion zu zeigen, bedeutete für mich Gefangenschaft, sowie den Tod meiner Persönlichkeit und meiner Menschlichkeit. In der Türkei, in anderen Regionen der Welt, und, wie ich sehe, auch in Deutschland, führt der Weg der Menschen, die auf menschliche Werte achten, sich gegen Ungerechtigkeiten stellen und für ein schönes Land kämpfen, durch Gefängnisse, und sie haben in allen Lebensbereichen mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Aber das schreckt michnicht ab. 

Ich habe in Kars neun Jahre lang unter den oben beschriebenen Bedingungen gelebt. Diese neun Jahre haben mich viel gelehrt. Sie haben dazu gedient, meine Weltanschauung, die ich an der Universität entwickelt habe, zu erweitern. Sie haben es mir – jemandem, der noch nie weiter in den Osten als bis nach Ankara gekommen war – ermöglicht, den wahren Charakter der Republik Türkei zu sehen.

Im Jahr 2003 war ich nach Deutschland gekommen, um hier vier Wochen Urlaub zu machen. Ärzte, die ich kennengelernt hatte, haben mir gesagt, dass ich hier eine Facharztausbildung machen könnte; es gäbe hier besonders wegen der Migranten eine sehr große Nachfrage nach Türkisch sprechenden Ärzten. Nachdem ich einige Nachforschungen angestellt hatte, habe ich mich dazu entschlossen. Mich hat besonders der Zweig Psychosomatik und Psychotherapie interessiert, den es in der Türkei nicht gibt. Die Betrachtungsweise, ausgehend davon, dass der Mensch ein biopsychosoziales Wesen ist,Diagnose- und Heilmethoden anzuwenden, entsprach meinem Verständnis vom Arztsein. 2005 kam ich nach Deutschland.

5.

Ich habe zuerst einen Deutschkurs beim Goethe-Institut in Rothenburg ob der Tauber gemacht. Nachdem ich ihn abgeschlossen habe, begann ich damit, mich auf Arbeitsstellen zu bewerben. Ich wurde Ende 2005 von der Universität Regensburg im Fachbereich Psychosomatik als wissenschaftliche Mitarbeiterin angenommen. Ich habe unter Vorlage der Bestätigung der türkischen Gesundheitsdirektion und allen weiteren nötigen Papieren bei der Ausländerbehörde der Stadt Nürnberg einen Antrag auf Erteilung eines Aufenthaltstitels gestellt. Obwohl ich kein Gehalt gefordert und erklärt habe, dass ich die Krankenversicherung und alle anderen Versicherungen selbst zahlen werde, wurden mir bei der Behörde tausende Hürden in den Weg gelegt. Es blieb mir keine Beleidigung erspart. Obwohl ich den „Grünen Pass“ habe, der in der Türkei den Beamten im gehobenen Dienst gegeben wird, und mit dem einem in fast allen Ländern der Erde die Einreise ohne Visum gestattet wird, wurde ich zur Beantragung eines Visums nochmals zurück in die Türkei geschickt. 

Ich bin also in die Türkei gereist, bin in Ankara zur Deutschen Botschaft gegangen und habe ein Visum beantragt; auch dort wurde mir gesagt, dass dies nicht erforderlich sei, und nach einem langen Telefonat mit Deutschland habe ich noch am selben Tag das Visum bekommen. Und jetzt hat der Beamte bei der Ausländerbehörde in Nürnberg die unmöglichsten Behauptungen aufgestellt, weil ich das Visum so schnell bekommen hatte. Kurz gesagt, hat er mir gegenüber angedeutet, das Visum könnte eine Fälschung sein, und das, obwohl er selbst mit der Deutschen Botschaft telefoniert hatte. Sie haben zusätzlich zu den in der ursprünglichen Liste aufgeführten Dokumente weitere Unterlagen gefordert; die habe ich eingereicht, und dann hieß es: „In Ordnung, aber dieses Dokument hier fehlt auch noch.“ Zehn Tage lang wurde ich hingehalten. Statt zu sagen, was benötigt wird, wurde jeden Tag etwas Neues verlangt. Am zehnten Tag habe ich gesagt, dass ich das nächste Mal einen Anwalt und einen Notar mitbringen werde, man möge mir in deren Anwesenheit mitteilen, was noch fehlt. Was für ein Zufall – genau an dem Tag habe ich meinen Aufenthaltstitel bekommen. Später habe ich von einigen Arztkollegen erfahren, dass sie diesem Prozedere nicht unterzogen wurden, obwohl sie dieselbe Ausgangsposition hatten. Mit anderen Worten: Ich war der willkürlichen Praxis des Sachbearbeiters in der Ausländerbehörde ausgeliefert.

Es hat mich zwar gewundert, dass in Deutschland so etwas möglich ist, aber ich wurde später noch oft mit solchen Dingen konfrontiert und habe in Verbindung mit diesem Verfahren noch oft die Willkür der staatlichen Einrichtungen in Deutschland erleben müssen. Meine Erlebnisse nach der Ankunft waren sehr negativ, aber ich hatte die Sicherheit jederzeit in die Türkei zurückkehren zu können. Es schmerzte mich, wenn ich daran dachte, wie sich wohl Migranten, die kein Deutsch können, die keinen Beruf haben und die nicht in ihr Land zurückkehren können, bei der erniedrigenden Behandlung und angesichts der Schwierigkeiten, die ihnen bei Behörden, wie z.B. die Ausländerbehörde, gemacht werden, fühlen. In der Psychosomatik, der interkulturellen Psychotherapie, wird – ganz gleich aus welchen Gründen – Migration als Trauma behandelt. Die ersten Monate meines Lebens in Deutschland haben mir gezeigt, wie richtig und wissenschaftlich zutreffend diese Diagnose war. Diese Situation hat es mir in meinem späteren Berufsleben erleichtert, Verständnis für kranke Migranten aufzubringen.

Nachdem mein Dienst in Regensburg beendet war, begann ich im September 2006 als Assistenzärztin in der Inntalklinik in Simbach (Psychosomatische Klinik) auf der Interkulturellen Station zu arbeiten. Meine Patienten waren hauptsächlich Migranten aus der Türkei. Es waren Menschen, die 20 bis 30 Jahre in Fabriken gearbeitet haben; die arbeitslos wurden, als die Fabriken geschlossen wurden; die keine Arbeit fanden, weil sie nicht genug Deutsch konnten und auch keine Ausbildung hatten; die unter wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu leiden hatten; die am Arbeitsplatz mit Mobbing zu kämpfen hatten; die aus Angst, ihre Arbeit zu verlieren, gezwungen waren, viel zu viel zu arbeiten; die Gewalt innerhalb der Familie erlebt hatten; die sexuell belästigt und missbraucht worden waren; Frauen, die zwangsverheiratet und aus der Türkei hierher geholt worden waren; während des Krieges in der Türkei traumatisierte kurdische Frauen.

Die Mehrheit der Krankheiten hatte sozioökonomische Gründe, waren kulturell bedingt, hatten ihre Ursache also im politischen und wirtschaftlichen System. Ich habe damals schon darüber nachgedacht, und heute immer noch: Wenn wir in einer gerechteren, gleichen und freien Welt leben würden, also, wenn da nicht dieses brutale, kapitalistische System mit seiner patriarchalen Anschauung wäre, wären die psychiatrischen und psychosomatischen Abteilungen in den Krankenhäusern fast leer und wir wären arbeitslos. Aber das macht nichts; ich würde meine Zeit gerne in die Ausbildung für einen neuen Fachbereich investieren.

Nachdem ich meine Ausbildung zur Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Simbach im Oktober 2010 beendet hatte, habe ich Ende 2010 in der Klinik für Psychiatrie des Bezirkskrankenhauses Landshut zu arbeiten begonnen, um meine zweite Fachausbildung zur Psychiaterin zu machen. Ich behandelte in der Suchtklinik nun deutsche Patienten. Ein Faktum, das mir auffiel, war, dass die Ursachen für diese Krankheiten – genau wie bei den Migranten – wieder sozio-ökonomischer Natur sind. Menschen, die arbeitslos geworden waren; die alles verloren hatten; gemobbt wurden; die unter dem für unsere Zeit so typischen Stress litten; die schlechte Arbeitsbedingungen hatten; Frauen, die als Kind sexueller Belästigung ausgesetzt waren; Frauen, die geschlagen wurden usw. Sie alle hatten tragische Lebensgeschichten. Nachdem sie mit ihren Problemen nicht fertig geworden waren, hatten sie die Lösung im Alkohol und Drogen gesucht. Wenn ich Süchtige sehe, die in Bahnhöfen und neben Geldautomaten schlafen oder um Geld betteln, schäme ich mich für mein Menschsein und denke: „Diese Menschen haben ein besseres Leben verdient. Keiner gerät freiwillig in so eine Lage. Wenn das System anders wäre, müssten sie nicht im Winter in der Kälte auf der Straße leben.“ Anders ausgedrückt: Ich schäme mich seit meiner Zeit in Kars immerfort, und das muss auch so sein. Wenn ein Mensch so viel Ungerechtigkeit und die Armut sieht und dann den Kopf wegdreht und die drei Affen spielt, nicht reagiert und sich nicht schämt, dann kann das kein Mensch sein.

Um die Fachausbildung für Psychiatrie fortzusetzen, begann ich in Nürnberg, Nordklinikum – Sektion für Psychiatrie – als Assistenzärztin zu praktizieren. Hier war ich in der Gerontopsychiatrie, auf der geschlossenen Station für Psychosen und der Station für Depressionen tätig. Auch hier war auffallend, dass die Ursachen der Krankheiten sozio-ökonomisch und kulturell bedingt waren. Auch hier wurden die Patientengruppen behandelt, die ich in Zusammenhang mit dem Bezirkskrankenhaus Landshut bereits genannt habe. Insbesondere die Situation der Patientinnen ging mir nahe. Auch wenn die Erscheinungshäufigkeit unterschiedlich war, erinnerte mich die Häufigkeit der Frauen, die Gewalt, Übergriffe und Vergewaltigung erlitten hatten, an meine Tage als Ärztin in Kars. 

Ob nun ein abgelegener Ort in der Türkei oder Städte in Deutschland, die Situation der Frauen, die erlittene Gewalt, das heißt, deren Unterdrückung zeigte Ähnlichkeiten auf. Bei den ausländischen und migrantischen Frauen kamen noch die Probleme, die aus ihrem Migrantendasein resultierten, hinzu. Da es keine türkischsprachigen Psychiater gab, klingelte mein Telefon während meiner ersten Dienstjahre in Nürnberg ununterbrochen. Zahlreiche Migranten aus der Türkei, die ihre Anliegen nicht auf Deutsch zum Ausdruck bringen konnten, baten mich um Hilfe. Diese an türkischsprachige Psychologen zu verweisen war auch keine Lösung, da diese Wartelisten von bis zu einem Jahr hatten. Es betrübte mich sehr, dass ich jeden einigen Patienten sagen musste: „Bedauerlicherweise arbeite ich im stationären Bereich. Ich habe keine Praxis, ich kann Ihnen nicht helfen“. Ein großer Teil der Migranten besaß nicht die Möglichkeit vom Gesundheitssystem Gebrauch zu machen. Ich wusste nur zu gut, dass die Herangehensweise sich mittels der Einschaltung von Dolmetschern der Beschwerden, Krankheiten und insbesondere der psychischen Beschwerden anzunehmen, nicht erfolgversprechend war. 

Meine Kollegen aus der Institutsambulanz baten mich ein paar Patienten, die kein deutsch konnten und in schlechter Verfassung waren, zu übernehmen. Obwohl ich auf der Station sehr viel arbeitete, übernahm ich diese, weil ihre Krankheiten ziemlich fortgeschritten waren und meine Kollegen besorgt waren, weil sie diesen nicht helfen konnten. Einen dieser Patienten, der um die 60 Jahre alt war, werde ich wohl mein Leben lang nicht vergessen. Als er zu dem ersten Termin erschien umarmte er mich unter Tränen und sagte: „Frau Doktor, Gott vergelte es ihnen, ich suche seit fünf Jahren einen türkisch sprechenden Arzt. Das Kontingent der Psychologen soll ausgeschöpft sein. Sie geben mir erst in einem Jahr einen Termin. Ich bin an der Schwelle des Selbstmords angelangt.“ Ich wusste nicht, ob ich mich freuen oder traurig sein sollte, also stand ich einfach da. Vielleicht konnte ich diesem Patienten helfen, aber was war mit denjenigen, die ich zurückweisen musste? In welcher Verfassung befanden sich wohl diese? Ich fühlte mich in den Seelenzustand während meiner Universitätsjahre/Studienjahre zurückversetzt. Man kann noch so ein guter Mediziner sein, man kann die exakte Diagnose stellen und behandeln. Es reicht nicht, das Erreichbare ist begrenzt, es bleiben noch Hunderte, Tausende übrig. Erneut empfand ich dieses unerträgliche Gefühl der Hilflosigkeit und der Scham. Wie ich es bereits gesagt habe, hätten wir eine lebenswerte Welt, in der die Arbeits- und Lebensbedingungen menschlich sind, also eine klassenlose Gesellschaft ohne Ausbeutung, gäbe es viele dieser Krankheiten nicht. Vielleicht wären wir Psychiater dann auch arbeitslos. Mit Gedanken dieser Art fand der erste Termin mit diesem älteren Patienten statt und ich gab ihm einen Termin für die zweite Sitzung. Danach tadelte ich mich immer wieder selbst und sagte mir, hättest du ihm nur einen früheren Termin gegeben, wenigstens einen Tag zuvor. Denn der Termin war am 16. April 2015 und eines der ersten Gedanken, die ich bei meiner Festnahme hatte, war dieser ältere Patient von mir. Der arme Mann hatte sich so gefreut. 

In dem Augenblick fiel mir eine deutsche Patientin ein, die stationär behandelt wurde. Eine Patientin, die in ihrer Kindheit von ihrem Vater jahrelang sexuell missbraucht worden war. Es ging sogar soweit, dass ihr Vater sie im Gegenzug für Spielschulden zur Verfügung gestellt hatte. Ich war die einzige Ärztin, die sie körperlich untersuchen durfte und das Bild, das ich bei der Erstuntersuchung sah, war grauenvoll. Ihr Körper war von tiefen Wunden übersät. In Folge dieser erlebten Traumatas hatte sie einen Hass gegen ihre weibliche Identität und ihren Körper entwickelt und hatte sich ihr Leben lang Verletzungen zugefügt, um sich selbst zu bestrafen und ihren Körper zu verletzen. Sie war des öfteren wegen psychiatrischen Beschwerden in stationärer Behandlung gewesen. Während der Haft dachte ich an diese Frau. Was sollte diese Frau, die nur mir vertraute, ohne mich nun tun?

Es geht einfach über die Lippen, aber ich wurde drei Jahre lang von meinen geliebten ärztlichen Beruf – den ich mehr als einen Beruf betrachte – und meinem Kollegen getrennt. Wähend meiner Haftzeit dachte ich oftmals an meine Kollegen und meine Patienten und daran, wie sehr ich meinen Beruf vermisste. Plötzlich war ich eines Tages von der Bildfläche verschwunden, was dachten und empfanden sie nur? Ich erfuhr es durch die unterstützenden Briefe sowie die Schilderungen der Menschen, die zu Besuch kamen. Die einheitliche Aussage war: „Banu, wir stehen dir zur Seite, wir glauben daran, dass wir binnen kürzester Zeit unsere Zusammenarbeit fortsetzen werden können.“ Die Kollegen in den Kliniken, in denen ich tätig gewesen war, haben nahezu jeden Tag mich und das Verfahren thematisiert und die Menschen informiert. Sie hatten an die verschiedenen Institutionen und Ministerien Schreiben verfasst und Unterschriften gesammelt. Sie haben sich sogar versichern lassen, dass ich nach Haftende meine Tätigkeit wieder aufnehmen kann. Darüber hinaus haben die Gewerkschaft ver.di, isbesondere der Migrationsausschuss ver.di Mittelfranken und andere Fraueninstitutionen – da ich die einzige Frau war – eine Reihe von Aktivitäten durchgeführt und mir dadurch das Gefühl vermittelt, dass sie mir immer zur Seite stehen. Ich hatte Kenntnis von alldem und das vermittelte mir unglaubliche Kraft, Hoffnung und Mut. Ich fühlte mich nicht alleine. Da die Briefe, die ich bekommen habe, Ihrerseits kontrolliert wurden, ist es nicht nötig, all das detailliert zu schildern.

Die Freudentränen, die ich gemeinsam mit meinen Kollegen nach drei Jahren Haft am ersten Tag meines Erscheinens in der Klinik vergossen habe und die Umarmungen werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Diese minutenlang andauernden Umarmungen brachten eine unglaubliche Flut von Emotionen mit sich. Anfangen von dem Führungspersonal bis hin zu den Frauen, die Reinungsarbeiten verrichteten, wurde ich von vielen beinahe wie eine Heldin empfangen. Dies brachte mich in Verlegenheit und ich errötete dabei jedes Mal. Selbst Personen, die nach meiner Inhaftierung die Tätigkeit in der Klinik aufgenommen haben, kamen zu mir und sagten: „Du kennst uns nicht, aber wir wissen von dir und dem Verfahren und verfolgen dieses aus der Nähe. Wir schämen uns für das, was in Deutschland passiert und stehen zu dir.“ Wieder andere sagten: „Deine aufrechte Haltung und die deiner neun Freunde bei Gericht ist für uns sehr wichtig. Ihr habt drei Jahre für uns und für die Menschlichkeit eingesessen, wir stehen zu dir!“ Diese schönen Worte habe ich nicht nur auf mich als Person oder Ärztin, die versucht ihren Beruf den ethischen Werten entsprechend auszuüben, bezogen.

Diese Worte waren der Ausdruck des Einstehensund Bestätigung meiner Bestrebungen im Kampf für eine klassenlose, ausbeutungslose und friedliche Welt. Ich hatte von Menschen berichtet, die für die Errichtung einer schönen Welt zur Erde gefallen sind, die Lebensjahre in Gefängnissen verbracht haben, die für dieses Ziel immer noch weiterkämpfen, die ich als Vorbilder erachtet habe, deren Leben und Erfahrungen für mich wegweisend waren, also Menschen die einen großen Teil zur Bildung meiner Identität beigetragen haben. Dieses Einstehenund die schönen Worte widme ich diesen Menschen, und den weiteren Genossen und Freunden, die gemeinsam mit diesen, bis heute an unserer Seite gestanden sind und mit denen wir den ehrenvollsten und schönsten Traum der Welt geteilt haben, also die Vorstellung in einer einer klassenlosen, ausbeutungslosen Welt in Frieden zu leben.